Wirkdimensionen

Das Bewusstmachen von unbewussten Konflikten und deren Veränderung im Durcharbeiten gehört zu den Wirkfaktoren, die für die Psychodynamische Psychotherapie wie für die KIP gültig sind. Die KIP vermag das implizite Beziehungswissen darüber hinaus auf eine besondere Weise zu erreichen und zu verändern, indem sich hier streckenweise überwiegend im impliziten Modus arbeiten lässt[99]. Das geschieht auf der Tagtraumebene des Symboldramas (siehe KIP und andere Behandlungsansätze). Das Erlebte oder Erkannte ist dann später im expliziten Modus des tiefenpsychologischen Gesprächs zu markieren und zu integrieren.

Durch die methodenspezifische Beziehungsgestaltung (siehe Vorgehensweise und Anwendung psychodynamischer Konzepte in der KIP) und durch passende Interaktionen von Therapeut und Patient auf der Bildebene wird ist es möglich, im Hier und Jetzt neue emotionale Beziehungserfahrungen zu vermitteln (Empathie, Feinfühligkeit, Holding) und pathogene unbewusste Vorwegannahmen zu korrigieren. Mit der Übernahme von Hilfs-Ich-Funktionen hilft der Therapeut bei der Affektdifferenzierung und der Realitätsprüfung. Dies trägt zur Förderung von Kompetenzen in Mentalisierung und Symbolisierung bei (siehe Wissenschaftliche Grundlagen, Kernpunkte von Diagnostik und Therapie).

Neurotische Konflikte wie daraus resultierende Symptome lassen sich über die Imagination symbolisch darstellen und verarbeiten. Diese Art von „Konfliktbearbeitung“ wurde als erste Wirkdimension der KIP beschrieben (Leuner 2012)[18]. Sie orientiert sich im Grunde genommen an dem klassischen psychoanalytischen Prinzip der Konfliktverarbeitung durch „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ (Freud 1914)[100]. Ihre Domäne ist die Behandlung von Krankheitsbildern und Störungen, die auf neurotischen Dispositionen mit relativ gutem ich-strukturellen Funktionsniveau beruhen (siehe Indikationsbereiche).

Bei psychosomatischen Erkrankungen und bei psychogenetisch „frühen“ Störungen liegt in der Regel eine andere Konstellation vor. Hier stehen unerfüllte primäre Bedürfnisse und Bindungswünsche wie auch narzisstische Defizite im Vordergrund. Auf diese Bereiche ist eine zweite Wirkdimension ausgerichtet, die auf eine Erfüllung primärer menschlicher Bedürfnisse ausgerichtet ist und von Leuner (ebd.) als „archaische Bedürfnisbefriedigung“ bezeichnet wurde. In der katathymen Imagination darf der Patient in einem psychophysiologisch entspannten Zustand nachholen, woran es ihm mangelte und jetzt wichtige korrigierende emotionale Beziehungserfahrungen machen. Die therapeutische Begleitung unterstützt und fördert eine begrenzte Regression „vor“ den Konflikt, d. h. in fraglos „gute“ Zeiten der frühkindlichen Entwicklung, und „neben“ den Konflikt, d. h. in wohltuende Fantasiewelten.

Die zwei genannten Wirkdimensionen schließen einander nicht aus. Fantasiefunktionen und Symbolisierungen sind an beiden beteiligt. Die sogenannte dritte Wirkdimension zielt vorrangig auf das Moment der Entfaltung von Fantasie und Kreativität als Basis für Veränderungsprozesse. Auf therapeutischer Seite sind hierfür bestimmte Qualitäten erforderlich, wie etwa die Fähigkeit, sich mental von eingefahrenen Mustern des Denkens, Fühlens und Wollens frei zu machen, um Freude an kreativen Leistungen wie an „außerordentlichen“ Lösungen zulassen zu können. Leuner (ebd.) sah hier Parallelen zum kindlichen Spiel und zur Spieltherapie.

Vom Experiment zur klinischen Evidenz

Aus den Pionierzeiten der KIP stammt eine ganze Reihe von Berichten über die Wirkungen und Nachwirkungen des Katathymen Bilderlebens (KB) (siehe Geschichte der KIP). In experimentellen Untersuchungen war Leuner zunächst vorrangig mit den bildhaft ausgestalteten „Komplexen“ beschäftigt, die bei symbolvermittelten und affektgetragenen Imaginationen auftreten. Dann begann er sich für die darin enthaltenen therapeutischen Möglichkeiten zu interessieren und klinisch orientierte Fragestellungen anzugehen. Im Zuge der Weiterentwicklung des KB zu einer tiefenpsychologisch fundierten Methode wurden aus der sich formierenden Arbeitsgruppe heraus zahlreiche Publikationen mit Falldarstellungen vorgelegt, die spezifische Resultate enthalten und Aufschluss über die Wirkungsweise geben. Erste Ergebnisse zur allgemeinen Wirksamkeit der Methode als Kurzzeitpsychotherapie kamen von Kulessa und Jung (1980)[101] sowie Wächter und Pudel (1980)[102]. Richtungweisend für die spezifische Behandlung von psychosomatischen Krankheiten und funktionellen psychogenen Störungen wurden die Arbeiten zum Einsatz des KB bei Anorexia nervosa (Klessmann und Klessmann 1975)[103], bei gynäkologischen Erkrankungen (Roth 1976)[104], und bei Colitis ulcerosa (Wilke 1979)[105]. Eine detaillierte Übersicht findet sich bei Wilke (2012)[106].

Prozessforschung

Ergebnisse zur Prozessforschung wurden von Stigler und Pokorny in mehreren Publikationen veröffentlicht. Die beiden Autoren kommen u. a. zu dem Schluss, dass Patienten und Therapeuten im Vergleich zu rein verbalen Sequenzen während der Imagination in ihrer Sprache erlebnisnäher sind und mit dem Primärprozess wie mit den Emotionen miteinander auf gleicher Höhe schwingen (Stigler und Pokorny 2012)[107]. Masla (2018)[108] hat in einer randomisierten Studie an stationär behandelten psychosomatisch Kranken Anhaltspunkte dafür gewonnen, dass bei Patienten, die mit der KIP behandelt werden, Verbesserungen im Bindungssystem zu erwarten sind.

Ergebnisforschung

Schon in den Anfängen der Behandlung psychosomatischer Erkrankungen mit der KIP hatte Wilke (1980)[109] in einer kontrollierten Studie Ergebnisse zur Outcome-Forschung vorgelegt. Es handelte sich um Patienten mit einer Colitis ulcerosa, die vom KB in somatischer wie in psychischer Hinsicht profitierten. Aus den Ergebnissen ließ sich u. a. schließen, dass Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen durch die Tagtraummethode stärker gefördert werden als durch eine analytisch orientierte Gesprächstherapie in Verbindung mit Entspannungssuggestionen. In einer Drei-Jahres-Katamnese wurde deutlich, dass sich die mit KIP behandelten Patienten somatisch wie psychisch gegenüber der Kontrollgruppe als dauerhafter gebessert erwiesen (Wilke 1983)[110]. Eine naturalistische Studie zur Wirksamkeit der Methode in der ambulanten Psychotherapie psychogener Störungen (von Wietersheim et al. 2003)[111] zeigte bei den mit KIP behandelten Patienten eine ganze Reihe von positiven Veränderungen bis zum Therapieende, die zum Katamnese-Zeitpunkt (18 Monate) noch weiter zugenommen hatten.

Sachsse et al. (2016)[112] konnten in einer naturalistischen Studie zur Behandlung von affektiven Störungen, Angststörungen und Somatisierungsstörungen mit der KIP hohe Effektstärken für eine Besserung bei der generellen psychischen Belastung, bei Problemen im Umgang mit anderen Menschen sowie bei den zentralen Symptomen Depression, Angst und Somatisierung belegen.

Sell et al. (2018)[113] verglichen in einer naturalistischen Längsschnittstudie die Wirksamkeit verschiedener psychoanalytisch begründeter Methoden, die mit begleiteten Imaginationen arbeiten. Sie konzentrierten sich auf die KIP und eine auf psychodynamischer Basis praktizierte Form der Hypnosetherapie. Die Befunde sprechen für zwei Phasen der Symptombesserung: eine schnelle Veränderung in den ersten Monaten nach Therapiebeginn und eine zweite, langsamere, aber anhaltende Veränderung im Laufe von Langzeitbehandlungen. Die Ergebnisse dieser Studie legen nahe, dass Patienten mit guten Mentalisierungs- und Symbolisierungskompetenzen innerhalb von einem halben Jahr bereits nicht mehr klinisch belastet sind, was eher für eine Kurzzeitbehandlung dieses Patienten-Typs spricht. Patienten mit niedriger „psychological mindedness“ und hohem Anteil an pathologischen Persönlichkeitsanteilen profitierten zunächst weniger, sodass sie vermutlich längere Behandlungszeiten im Rahmen einer modifizierten KIP-Technik benötigen (Sell et al. 2017)[114].

Gegenwärtig (Stand: Februar 2021) führt eine Forschergruppe um Sell[115], Sachsse und Benecke eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT) durch. Im Vergleich von tiefenpsychologischen Behandlungen mit und ohne KB soll untersucht werden, ob und wenn ja welche Patienten-, Prozess- und Beziehungsmerkmale zu identifizieren sind, die einen zusätzlichen Nutzen des KB erwarten lassen.